Julian hat einleitend über unsere ersten Geschäftsideen berichtet und warum wir es einfach nicht geschafft haben von der Stelle zu kommen. Aller Anfang ist schwer, aber wenn man einmal loslegt, geht es in großen Schritten weiter. Wie genau, das erfährst Du in Teil 2 unserer Gründerstory.

Julian und ich werden uns immer wieder beim Schreiben der einzelnen Teile abwechseln, damit Du die Insights aus beiden Perspektiven präsentiert bekommst. Viel Spaß bei Teil 2 der Road to PRENEUR.DE!


 

Es muss Ende Frühling oder Anfang Sommer 2009 gewesen sein. Julian rief mich an und klang aufgeregt. Er war kaum zu bremsen und erzählte mir von einer besonderen Begebenheit: Julian und Thomas gingen zur Firmen-Kontaktmesse Bonding an meiner damaligen Uni, der Ruhr-Uni Bochum, weil sie kurz vor ihrem Abschluss standen. Mit unseren unternehmerischen Ideen sind wir bis zu dem Tag noch nicht besonders weit gekommen. Viel mehr als bei einem Bier oder Cocktail über coole Ideen zu reden ist nicht passiert. Deshalb haben sich die beiden notgedrungen dazu entschlossen, vorerst den Weg des Angestellten zu gehen – so wie ich auch schon – und wollten sich auf der Messe beliebten Unternehmen für BWL-Absolventen wie PwC vorstellen.

Doch dann kam alles anders! Julian erzählte mir von einem Stand des Rubitec – ein Unternehmen der Uni Bochum, das Gründungen aus der Hochschule unterstützt. Aus Neugier heraus sind die beiden dort hingegangen und haben unsere Geschäftsidee einer Sprachcommunity vorgestellt. Die Berater des Rubitec erzählten vom EXIST Gründerstipendium, über das sich Studenten und Absolventen für ein ganzen Jahr finanzieren lassen können, wenn sie eine innovative Idee haben, einen Professor als Mentor und einen Businessplan, der vor der EXIST Jury bestehen muss.

Das Rubitec war total angetan von unserer Idee und Julian erzählte mir, dass direkt für die nächsten Tage ein zweites Treffen vereinbart wurde. Wir waren wie elektrisiert! Eröffnet sich hier eine Chance, die den Traum des eigenen Unternehmens ermöglicht?

Endlich kommen wir ins Machen

Es war wie ein Energieschub, der plötzlich über uns hereinbrach. Unser Team bestand aus Julian, Alex, Thomas und mir und wir vereinbarten sofort ein Skype Meeting. Thomas und Julian waren bereits zum zweiten Mal beim Rubitec und hatten allerhand Materialien zur Erstellung des Businessplans mitgebracht.

If you’ve got an idea, start today. There’s no better time than now to get going. That doesn’t mean quit your job and jump into your idea 100% from day one, but there’s always small progress that can be made to start the movement.

Kevin Systrom, Instagram

Heutzutage haben wir eine Menge Erfahrung mit Businessplänen, aber damals waren wir die kompletten Anfänger und niemand kannte sich auch nur ein bisschen damit aus. Wir haben bei null angefangen und sind die Infos vom Rubitec durchgegangen. Wir haben Themen unter uns aufgeteilt und jeder sollte anfangen für seinen Part zu recherchieren, zu schreiben und die Outcomes den anderen vorstellen.

Außerdem haben wir uns für den Start2Grow Businessplanwettbewerb angemeldet. Eine goldrichtige Entscheidung! Businessplanwettbewerbe ermöglichen kostenlosen Zugriff auf ein großes Coaching Netzwerk. Dadurch bekommt man von Anfang an Hilfe und notwendige Kritik. Im Wettbewerb präsentiert man den Plan vor einer Jury und, wenn die Präsentation und der Businessplan gut sind, winken Geldpreise von immerhin einigen Tausend Euro. Viel wichtiger als die Geldpreise war jedoch das Coaching…

Start2grow: Nach dem Verriss der Erfolg

Wir haben es geschafft! Der erste Businessplan war fertig. Wir haben uns gegenseitig auf die Schulter geklopft und fanden unseren Entwurf richtig geil.

Doch dann stellten wir den Plan unseren Coaches vor, gefolgt von Kopfschütteln und eindringlichen Mahnungen, dass wir mit diesem Businessplan keinen Blumentopf gewinnen werden. Kein Wunder, denn wenn ich rückwirkend an die geplanten riesigen Einnahmen über simple Bannerwerbung in kürzester Zeit denke, muss ich lachen.

Auch der Ansatz, eine universelle Sprachcommunity mit Angeboten wie Lernen im Tandem, Themenforen, Social Network bis hin zu Sprachschulangeboten und Sprachreisen aufzubauen, war überhaupt nicht zielführend und wurde zurecht in der Luft zerrissen. Der Ansatz Lean-Startup war für uns zu dem Zeitpunkt noch ein Fremdwort.

Wir waren jedoch lernfähig, steckten die Köpfe zusammen und entschieden uns nach vielen Diskussionen und Recherchen, uns ganz auf die Vermittlung von Sprachreisen zu konzentrieren. Die Idee zu Lingoschools war geboren: Eine Plattform, die sich als Marktplatz für Sprachschulen weltweit versteht und Transparenz in den undurchsichtigen Markt an Sprachreisen bringt.

Fun fact: Die erste Idee der Sprachcommunity trug den Namen Awali. Auf awali.de existiert bis heute ein kleines Nebenprojekt von mir, über das sich Tandempartner finden können.

Der Turnaround war vollzogen, unsere Geschäftsidee viel klarer und nach viel Aufregung vor unserer Präsentation vor der Jury des Start2Grow Wettbewerbs, stand der erste kleine Erfolg vor der Tür. Wir landeten unter den Top 10 in der ersten Runde des Start2Grow Wettbewerbs. Dafür, dass wir uns erst für so kurze Zeit mit Businessplänen beschäftigt haben, ein erstes wichtiges Signal. Wir kommen weiter!

Kündigung ohne Reißleine

Wir blieben auf der Erfolgsspur. Für das Gründerstipendium haben wir alle Vorbereitungen unter Dach und Fach gebracht und das „Go“ vom Rubitec erhalten. Wir reichten unsere Bewerbung nun offiziell ein und wollten ab Januar loslegen. Es war nun September und wir mussten uns überlegen, wie wir alle ab Januar Vollzeit an Lingoschools arbeiten können. Julian und Thomas standen kurz vor ihrem Abschluss, das war kein großes Problem.

Ich habe den risikoreichen Weg gewählt und kündigte im September meinen Job bei der IT-Beratung in Frankfurt. Eigentlich war es kurz vorher noch mein Plan, erstmal eine längere Zeit im Ausland als Angestellter zu arbeiten und mich irgendwann später selbstständig zu machen. Aber das Feuer war entfacht und der Weg gezeichnet. Also kündigte ich, und zwar ohne finale Zusage für das Stipendium. Zur Not würden wir es auch ohne Stipendium irgendwie schaffen.

Alex entschied sich ebenfalls für das Risiko und kündigte an, sein Studium abzubrechen, um an Lingoschools zu arbeiten. Er könne es ja später wieder aufnehmen. Ein risikoreicher Schritt, aber einer, den er nie bereut hat.

Dann kam der Schock: Unser EXIST Antrag wurde abgelehnt! Die Sorgen wuchsen und Zweifel machten sich breit. Wir hatten jetzt ein paar Wochen Zeit, um unseren Antrag noch einmal zu überarbeiten. Trotz dieses herben Rückschlags, rafften wir uns wieder auf und feilten am Businessplan für EXIST. Dann endlich kam die gute Nachricht, wir hatten es geschafft! Das erste Jahr von Lingoschools war finanziert und uns allen fiel ein Stein vom Herzen.

Wer übernimmt was?

Wir mussten uns an dieser Stelle erst einmal einigen, wer welche Rollen bei Lingoschools übernimmt. Finanzen, Marketing, Kooperation, Service / Vertrieb und IT mussten vorangetrieben werden. Die Rollen waren nicht streng abgegrenzt, so hat in der weiteren Lingoschools-Story beispielsweise jeder von uns mal Aufgaben im Vertrieb gemacht. Es war jedoch sehr wichtig, Verantwortlichkeiten für die groben Bereiche von Anfang an abzustecken.

Aufgrund meines Backgrounds und mit einer Portion Übermut fasste ich den Entschluss, die erste Version unseres Webportals komplett alleine umzusetzen. Eine Buchungsplattform für Sprachreisen ist kein kleines Projekt und da steckt eine Menge Energie und Arbeit drin. Ich wusste schon zu der Zeit, dass ich nicht der Coder for life bin. Ich habe mich zwar für die Softwareentwicklung im Studium interessiert, aber beruflich schnell gemerkt, dass mir das Entwicklergen fehlt und mir diese Arbeit – abgesehen von kleinen, überschaubaren Nebenprojekten – keinen Spaß macht. Doch in der Euphorie des Neuanfangs dachte ich, dass ich das Portal Lingoschools in Eigenregie mit links umsetze und danach die Weiterentwicklung an erste Angestellte abgebe.

Ein Fehler wie sich später rausgestellt hat, denn die Entwicklung in Eigenregie sollte mich im nächsten Jahr mental an die Grenze bringen und ich war kurz davor aufzugeben. Das wurde ein sehr wichtiges und einschneidendes persönliches Learning für mich, aber das wusste ich zu dem Zeitpunkt natürlich noch nicht.

Eine Start-Up WG entsteht

Das kühle Bier floss in Strömen und der Aschenbecher wurde immer voller. Wir konnten es kaum fassen, so schnell ging alles. Anfang Februar 2010 sind wir in unsere Firmen-WG in Bochum eingezogen, in der drei von uns vier Gründern die nächsten 3 Jahre verbringen sollten. Wir verschwendeten keinen Gedanken an die Zukunft an dem Abend, denn jetzt war der Moment, an dem wir den Start von Lingoschools feiern wollten…

Learnings
✓ Manchmal muss der Motivationsschub von außen kommen
✓ Ohne Kritik und Verriss kein Erfolg
✓ Nicht zu viel wollen! Eine Geschäftsidee muss anfangs sehr schlank sein, ausweiten kannst Du das Geschäft später.
✓ Überlege ganz genau, welche Bereiche, Aufgaben und Rolle(n) Du übernehmen willst und wovon Du besser die Finger lässt.
 

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