Ein Start-Up gründen, danach noch ein zweites und gleichzeitig Mutter werden und eine Familie gründen? Wie das geht und was es mit ihrem Do-It-Yourself Unternehmen Makerist auf sich hat, erzählt uns heute Amber Riedl im PRENEUR Interview.



Teil 1:

Hallo Amber, danke für Deine spontane Zusage für unser Interview. Ich habe Dich bei einer FuckUp Night in Berlin als Speaker erlebt und weiß deshalb, dass du einen anstrengenden Weg mit Niederlagen und mit großen Erfolgen hinter Dir hast. Erzähle doch ein paar Worte einleitend über Dich, bevor wir näher auf Deinen Weg als Preneur und Dein Start-Up Makerist eingehen.

Mein Lebensauf ist alles andere als linear: von der Entscheidung ins Ausland zu gehen, bis hin zur Idee ein Startup zu gründen oder in vielen quereinzusteigen. Ich bin ein Beispiel dafür, dass das geht! Oder anders, die meisten Leute gehen vom Stress im Unternehmen ins Yoga – bei mir war’s andersrum.

Ein paar Worte über mich, ich bin 1980 in Winnipeg in Kanada geboren. Dort und in Vancouver habe ich Politikwissenschaften studiert. 2004 bin ich nach Berlin ausgewandert, der Liebe wegen. Hier habe ich bei Transparency International in der Kommunikation gearbeitet, eine Ausbildung zur Yoga-Lehrerin gemacht und 2008 entscheiden mein erstes Start-Up zu gründen – 1001hochzeiten. 2013 habe ich zusammen mit Axel Heinz Makerist gegründet und da stecke ich noch mitten drin. Ich habe zwei süße Jungs und einen tollen Mann. Ich bin glücklich mit meinem Leben.

Angefangen hast Du mit Deinem Start-Up 1001hochzeiten. Wann war das und welche Idee steckte dahinter?

Das war eine Situation, wie’s sie im Leben oft gibt, wenn man sich sagt: “Ich hätte das besser machen können!” Bei 1001hochzeiten habe ich noch bei Transparency International gearbeitet, ich war frustriert von den Strukturen eines so großen Unternehmens und fühlte mich in meinen Möglichkeiten sehr begrenzt.

Parallel habe ich meine eigene Traumhochzeit geplant und auch das war kompliziert. Unsere Hochzeit war aber auch ziemlich komplex! Wir hatten Familie und Freunde in Kanada und Österreich, lebten in Berlin und wollten in Griechenland feiern. Das zu planen war eine Herausforderung und ich fand online nichts, was mir helfen konnte, jedenfalls nicht in Deutschland. Dabei gibt es doch für alles ein online Tool, das Hilfe leistet: Einladungstools, Gästemanagement, eine Branchenbuch für Dienstleister oder Hochzeitstische Ich wusste was mir als Braut fehlte und ich dachte: das kann ich selber machen!

Hast Du das Unternehmen alleine oder im Team gegründet und wie wolltest Du mit der Firma profitabel werden, was war die Strategie?

Die Firma habe ich allein gegründet. Ich wollte es aber gern mit einem Partner machen. Tatsächlich habe ich auch die perfekten Partner gefunden, nur leider war das ein Ehepaar, dass sich nach dem ersten Monat der Zusammenarbeit scheiden ließ. Von Hochzeiten wollten sie dann nichts mehr hören. Dann war ich also wieder allein.

Wenn ich Unterstützung brauchte, habe ich sie aber immer bekommen. Zum Beispiel habe ich einige Monate bei Michael Brehm im Büro arbeiten dürfen oder hatte große Hilfe von Jan Thomas von Berlin Valley. Die Strategie war wie folgt: ich wollte ein online Magazin aufbauen und Reichweite gewinnen, um für den E-Commerce-Bereich Traffic zu gewinnen. Das Magazin war erfolgreich: Bilder ohne Ende, tolle SEO-Texte, authentischer und origineller Content – und eben die Reichweite. Die Kehrseite: E-Commerce lief nicht so gut. Es hat sich nicht skalieren lassen und das ist aber das Muss im Digitalen Business.

Ein Start-Up gründen ist keine leichte Aufgabe. Hinzu kam, dass Du Mutter wurdest und es damit natürlich sehr schwer wurde, genug Zeit für die Firma zu finden. Wie hast Du beides unter einen Hut gebracht? Ging das überhaupt?

Es war in der Tat sehr hart, aber es geht, wenn man gute Unterstützung hat. Ich hatte wahnsinnige Hilfe von meinem Mann. Und dann darf man auch nicht vergessen, dass ein Start-Up viel Flexibilität bietet – du bist deine eigene Chefin! Und als digitale Firma kannst du letztendlich von überall arbeiten. Von zu Hause aus wurde es irgendwann zu schwierig, im Büro ist einfach mehr Ruhe und Struktur. Ich bin also immer viel ins Büro gegangen. Auch wenn’s nur kurz war oder die Babysitterin mir mein Kind zum Stillen vorbeibringen musste. Man muss flexibel sein und mit Planänderungen umgehen können.

Gab es einen Punkt, an dem die Belastung zu groß wurde?

Ja, mehrere. Damals habe ich diese Punkte oft nicht erkannt und im Nachhinein wünsche ich mir, ich hätte den Abstand gehabt auch mal nein zu sagen. Das Absurdeste war eine Erfahrung, die ich auf einer Messe gemacht habe: 2010 bin ich mit meinem Baby, meinem Mann und einer Mitarbeiterin durch Deutschland getourt um auf verschiedenen Messen anwesend zu sein. Das war vielleicht anstrengend!

Die Fahrerei, die schlechte Luft in den Hallen, ich bin ständig krank geworden und die Besucher waren grauenvoll – alle auf Schnäppchenjagd! Diese Erfahrung hätte gern kürzer ausfallen können.

Mit 1001hochzeiten hat es am Ende nicht geklappt. Was war passiert und welche Learnings hast Du daraus gezogen?

Ich glaube immer noch an das Konzept von 1001hochzeiten und es lebt ja auch weiter in seinem Nachfolger Foreverly.de, wo ich als Gesellschafterin dabei bin. Die alleinige Leitung einer Firma war für mich nicht mehr das richtige, mit zwei kleinen Kindern. Bei Makerist klappt es viel besser, zum einen weil die Kinder jetzt älter sind und zum anderen habe ich Makerist zusammen mit einem tollen Partner gegründet, Axel Heinz, der sich voll für die Firma einsetzt.

Aber ja, Learnings, gibt es trotzdem:

• Die Höhe des Investments hat viel mit den Erfolg einer Firma zu tun: wie schnell kann man wieviel Geld bekommen.
• Um gute Investoren ins Boot zu holen, braucht man tolle KPIs – es gibt immer welche, die besonders gut aussehen, auf die muss man sich konzentrieren und sie weiterbringen.
• Man braucht einen Fokus. Es gibt viele gute Ideen, aber um eine Idee auch gut umzusetzen, braucht man viel Zeit und Kraft.
• Man muss sich die richtigen Fragen stellen: Ist das Unternehmen skalierbar? Oder muss man nach 2 Jahren immer noch selbst alle Päckchen packen?
• Deadlines: Man muss definieren, was ein Erfolg oder ein Misserfolg ist – und man muss beidem Zeit geben.
• Man muss den Mut haben das zu beenden, was nicht funktioniert – nur dann kann man Platz für etwas neues schaffen.
• Kompromisse : ein kleiner Anteil von was Erfolgreichem ist besser als ein großer Anteil von etwas weniger Erfolgreichem
• Kinder & Start-Up: funktionieren nur, wenn der Rahmen stimmt.

Danach hast Du mit Deinem neuen Start-Up Makerist losgelegt. Was ist Makerist und wie ist die Idee entstanden?

In der Zeit, als ich noch bei 1001hochzeiten war, war es das größte online Magazin für Hochzeiten in Deutschland. Wir waren damals sehr nach Zahlen und Performance orientiert und ich habe immer darauf geachtet welche Keywords für uns am besten performen, und wonach die Leute gesucht haben. Und eines unserer Top-Keywords war DIY – egal ob Braut oder Brautjungfern, Mutter oder Gast – alle wollten sich mit Herz und Händen einbringen, etwas Selbstgemachtes schaffen und diese Wertigkeit beisteuern oder schenken.

Schon da hat die Idee Makerist Sinn ergeben. Über meinen Mann habe ich Axel Heinz kennengelernt und wir waren uns relativ schnell einig, was wir mit Makerist machen wollten. Und zwar den DIY-Trend mit E-Learning verknüpfen, in Form von Video- Workshops für Handarbeit. Dieses Konzept haben wir weiter ausgebaut mit einem Marktplatz für Ebooks und Anleitungen, sowie einem Materialmarkt für alles was man für sein Projekt braucht.

Makerist ist heute die erste Adresse für Handarbeit im Internet.

Das Wachstum von Makerist zeigt steil nach oben, es ist ein voller Erfolg. Wie vermarktest Du euer Angebot? Was sind die wichtigsten Quellen für neue Kunden?

Ja, das Angebot wird gut angenommen. Ich denke, wir haben wirklich eine Marktlücke gefunden. Schon bevor wir die Webseite gelauncht und die ersten Videokurse gedreht haben, haben wir unsere Facebookgruppen gegründet um zu sehen, wie das Interesse wirklich ist, wieviele Leute tatsächlich beitreten würden. Und es war absolut überzeugend. Facebook spielt immer noch eine wichtige Rolle für uns, in Deutschland und Frankreich haben wir inzwischen über 650,000 Fans. Das Thema ist ja auch ein soziales.

Wie wurde Makerist finanziert? Gibt es Investoren, die den nötigen Schub für das Start-Up geliefert haben?

Makerist wird mit Fremdkaptial finanziert. Das ist wichtig um die Firma auf Wachstums-Kurs zu halten. Wir haben schon HTGF, CEWE Color und den OZ Verlag als Investoren gewinnen können. Wir hätten auch dieses Jahr schon auf den Break-Even und Profitabilität zusteuern können, aber stattdessen setzen wir auf Wachstum. Axel und ich wollen eine große Firma aufbauen und das geht nur, weil wir bereit sind mit Fremdkapital auf Wachstum zu setzen.

Was ist die Vision für Makerist in der Zukunft? Wo siehst Du Dein Unternehmen in 5 Jahren?

Makerist soll die Seite für Handarbeit in Europa sein. Darüber hinaus gern auch in einigen “exotischen” Ländern. In 5 Jahren wollen wir Markenbekanntheit haben: Amazon für Bücher, Zalando für Schuhe und Makerist für Handarbeit. Wir werden eine Änderung in unserem Markt sehen. Wir werden sehen, dass online für alle relevanter wird, und nicht nur unsere Angebote, sondern auch unsere Reichweite eine signifikante Rolle spielen werden. Am Ende, wie am Anfang, wird uns aber unsere Community definieren.

Oft wird kritisiert, dass Deutschland nicht gerade das kinderfreundlichste Land ist. Wie sind Deine Erfahrungen? Was sollte besser werden?

Ich finde die Kitas in Deutschland großartig. Es ist toll, dass Kinder schon so jung hingehen dürfen. Wobei Frauen, die wirklich mehr als vormittags arbeiten wollen, trotzdem nicht ohne eine Nanny oder einen Ganztagsplatz in der Kita auskommen. Und das wiederum ist meist so teuer wie das Einkommen der Frau. Das muss sich ändern.

Kein Wunder, dass nicht mehr Frauen früher wiedereinsteigen wollen. Arbeiten ist teuer, und dann kommt noch die doppelte Belastung oben drauf. Wenn wir wollen, dass Frauen beides machen, Familie und Karriere, dann muss das belohnt werden und nicht bestraft.

Dazu kommt, dass es große Unterschiede gibt was die Möglichkeiten von Angestellten, im Vergleich zu selbstständigen Frauen angeht. Selbstständig gibt’s zum Beispiel keinen Mutterschutz über die Krankenkasse. Zum Glück gibt es Frauen wie Franziska von Hardenberg, die Gründerin von Bloomy Days, die sich hier für uns engagiert!

Amber, danke für die spannenden Insights. Im zweitel Teil des Interviews werden wir auf Dich als Unternehmerpersönlichkeit eingehen, wie Du Dich selbst motivierst und organisierst und welche Tipps Du anderen Preneuren mitgeben kannst.

Hier geht’s weiter zu Teil 2

 

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